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vom Bösen am Himmel

9. April 2010

_MG_6292etwas Dunkles, Böses geschieht in der Welt, das jedenfalls denken manche Menschen, wenn sie nach oben blicken und ein Bild wie dieses sehen. Die Spuren hochfliegender Flugzeuge am blauen Himmel, manche bleistiftdünn, andre breit und scheinbar wie ein Schleier. Manche verwirbelt, andre gerade, die meisten weiß gegen den Hintergrund manche aber scheinbar schwarz. Was geht da vor sich?

Wir lernen gemeinhin wenig über eines der Theman, über das die meisten Gespräche geführt werden: das Wetter. Wer weiß schon, was der (trocken- oder feucht-) adiabatische Hebungsgradient ist, was der Schichtungsgradient, was es mit der Prozentangabe der Luftfeuchte wirklich auf sich hat und wie das alles (und mehr) zusammen eben das Wetter mit all seinen Phänomenen ergibt.

Wer aber kein Wissen hat, das Verständnis stiften könnte, der ist auf Spekulation angewiesen, und da wir Menschen nunmal gewohnt sind, willentlich handelnde Wesen zu sein, sehen wir auch hinter unerklärlichen Phänomenen die Folgen willentlichen Handelns. Viele Religionen haben ihren Ursprung darin.

Keine Religion, aber von ähnlicher intellektueller Grundlage ist das Thema „Chemtrails„, das offenbar jede Menge Anhänger auf der ganzen Welt findet. Menschen schauen zum Himmel, sehen unterschiedlich ausgeprägte „Flugzeugspuren“ und anstatt daraus Schlüsse über das Wettergeschehen in der oberen Troposphäre zu ziehen gehen sie davon aus, daß hier gezielt Chemikalien eingebracht werden, mit dem Zweck, eine Wirkung zu erreichen.

Welche Wirkung das sein soll, dessen sind sich einige sehr sicher: die Menschheit soll gefügig gemacht werden. Je nach Ausprägung ist hier mal eine Weltregierung am Werk, mal die zionistische Verschwörung, mal die CIA und wer weiß was sonst noch. (Hitlers geheime U-Boots- und UFO-Basen am Nordpol scheinen in den letzten Jahren ein wenig aus der Mode gekommen zu sein)

Fröhlich mischen die Chemtrail-Verschwörungstheoretiker Elemente anderer Theorien zusammen mit wilder Spekulation und erstaunlichem Unwissen zu einem lustigen Cocktail. Lustig allerdings nur so lange, wie der Leser selbst genug von den atmosphärischen Vorgängen und der Fliegerei versteht, um den Unsinn mit eigenem Wissen zu entlarven.

Leider aber gehört genau dieses Wissen für die meisten von uns nicht zur Allgemeinbildung, und so mischen sich wirkliche Information mit Spekulation und tatsächlichem Unsinn und auf eigenen Kongressen erzählen Menschen darüber, was ihnen am Himmel so seltsam vorkommt. Wer sich die vorgelegten „Fakten“ ansieht und wenigstens über Grundkenntnisse der Meteorologie und Fliegerei verfügt, wird über 90% sofort als blanken Nonsens erkennen.

Ein bißchen will ich auf https://wolkenfahnder.wordpress.com helfen, zu vestehen, was wir dort am Himmel sehen, denn in fast allen Fällen ist das reines Wasser (nicht Wasserdampf, der ist überall und unsichtbar).

Die Idee ist, Fotos von typischen „Chemtrail-Phänomenen“ zu liefern und mit ihnen gleich die Erklärung dafür. Dazu gehört in vielen Fällen z.B. eine Wetterkarte, auf der Frontensysteme erkennbar sind, die Feuchteverteilung in den oberen Luftschichten, Wind und hochreichende Konvektion etc. Wie gesagt: die allermeisten solchen Erscheinungen lassen sich schnell und mit wenigen Grundkenntnissen erklären.

Auf dem Foto dieses Artikels sieht man schon eines der typischerweise von Chemtrail Anhängern zitierten Merkmale: rechts neben dem mittleren, scharf abgegrenzten Kondensstreifen findet sich ein schwächerer, dunkler Streifen. Da Wasser ja, wie wir sehen, und gemeinhin von Wolken kennen, weiße Spuren hinterlässt, kann das also kein Wasser sein. Soweit korrekt. Der Dunkle Streifen ist tatsächlich nicht an dieser Stelle eingebrachtes Wasser. Aus Wasser besteht er dennoch, denn er ist schlichtweg ein Schatten. Das Foto liefert die Erklärung gleich mit, da die Sonne mit darauf abgebildet ist: das Flugzeug links davon fliegt offenbar oberhalb der breitgelaufenen, älteren Kondensstreifen darunter. Sein eigener, dichter und noch scharf abgegrenzter Kondensstreifen wirft daher einen Schatten auf diese Schicht und, oh Wunder, dieser erscheint uns als dunkler Streifen. Es fällt uns schwer, auf diese Distanz, das Geschehen spielt sich hier sicher in acht bis 10 km Höhe ab, relative vertikale Abstände zu schätzen, aber aus Sonnenstand und dem Abstand des Schattens vom Kondensstreifen ließe sich sogar errechnen, um wieviel das Flugzeug über der dünnen Wolkenschicht fliegt. Das ist sicher sehr viel weniger aufregend als „dort fliegt ein unsichtbares Flugzeug, das eine dunkle Flüssigkeit versprüht“ aber es ist eine Erklärung, die sofort überprüfbar ist, mit allen beobachtbaren Fakten übereinstimmt und das Phänomen perfekt erklärt. Als Einstig hat sie zudem den Vorteil, daß sie ohne viel Wissen über meteorologische Zusammenhänge auskommt.

Daß sich vorgestern übrigens so lang anhaltende, breitlaufende Kondensstreifen bilden konnten erklärt die Darstellung links: je dunkler die Färbung, desto feuchter die Luft an dieser Stelle. Von westen floß also sehr feuchte Luft in der Höhe ein, was die Bildung von Wolken allgemein begünstigt und in diesem Fall die Auflösung der Kondensstreifen verlangsamt.

Alsdann, ich will versuchen, ein bißchen des Bösen aus der Welt zu verbannen und es mit meinem (wenigen) Wissen zur Wetterbildung zu ersetzen. Mit etwas Glück finde ich ein paar Mitstreiter, die mir helfen, den Wolkenfahnder Blog zu bestreiten.

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One Comment leave one →
  1. 10. April 2010 22:15

    Hallo Herr Kollege,

    was eine Kondensstreifen-Bildung natürlich auch begünstigt, sind in den luftigen Höhen natürlich eisige Temperaturen von unter minus 40 Grad, wobei dann der heiße Abgasstrahl die Bildung von Eispartikeln begünstigt. Die wir Normalsterblichen am Boden dann als Streifen oder Kondensstreifen-Injektionen sehen können 😉

    Herzliche Grüße von Gitte, der Wolkenfahnderin

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